Gemeinsam einsam?

Einsamkeit, Kontaktarmut, soziale Distanz. Die Corona-Erfahrung hat uns fühlbar vor Augen geführt, was diese Worte bedeuten. Gerade das Wort “soziale Distanz” (social distancing) hat es in sich: Denn gemeint war ja eigentlich physische Distanz. Wir merken, dass physische Distanz und soziale Distanz zusammengehören. Soziale Kontakte sind ohne räumliche Präsenz und ohne Berührung nicht dasselbe.

Nun finden wir gerade wieder Wege, diesen Mangel zu beheben. “Lockerungen” nennt man das, obwohl es zumeist gar keinen lockeren Anschein hat, wie wir versuchen herauszufinden, wer jetzt wie viel Nähe und Kontakt in Ordnung findet. Corona hat uns vorübergehend zu “Unberührbaren” gemacht und jetzt entdecken wir, wie kompliziert so ein Gefüge von Nähe und Distanz sein kann. Kann es sein, dass wir – mit oder ohne Corona – auf eine Weise gemeinsam vereinsamen? 

Ich habe aber (wieder einmal) den Verdacht, dass Corona uns hier nur etwas aufdeckt, was schon vorher da war. Kann es sein, dass unsere tatsächliche soziale Distanz vorher nur gut durch emsige Betriebsamkeit, Berieselung oder Beschäftigung verdeckt war? Haben wir vorher vielleicht sogar im eigenen Haushalt eher nebeneinander als miteinander gelebt? Halten wir intensive Kontakte überhaupt noch aus, wenn wir uns nicht mehr in andere Termine und Aufgaben flüchten können? Leben wir eigentlich so, dass wir wirklich aufeinander achten? Elisabeth von Thadden hat schon im Jahr 2018 eine erschreckende Diagnose gestellt: Die berührungslose Gesellschaft. Betrifft das auch mich?

Gerade als Christen sollten wir uns die Fragen nach echter Gemeinschaft gründlich stellen. Denn Gott hat uns in eine Gemeinschaft gestellt, die über Sympathie und Neigungen hinausgeht: Wir sind gemeinsam Christi Leib. Wir sind in eine Einheit verpflanzt, die über den Tod hinausgeht. Wie spiegelt sich das in unserem Leben wider? Entsprechen unsere Gewohnheiten, Abläufe und Strukturen dieser Realität? 

Gemeinsam einsam?

Nur der Fakt, dass man in derselben Wohnung lebt, begründet noch keine echte Lebensgemeinschaft. Jeder, der einmal in einer WG gelebt hat, weiß das. Auch wenn man 30 Nachbarn im selben Haus oder vier über den Gartenzaun hat, heißt das lange nicht, dass man sich überhaupt kennt oder gar schätzt. Und noch viel bedenklicher: Nur weil ich sonntags mit 150 anderen Personen im selben Gottesdienst sitze, heißt das noch nicht, dass ich tatsächlich Gemeinschaft mit jemandem habe. (Eduard Franz hat hier weitergedacht.)

Gemeinsames Leben geschieht nur da, wo es bewusst angestrebt und von Strukturen unterstützt wird. Aber Menschen in das eigene Leben zu lassen kostet mich auch etwas. Menschen haben die Tendenz, meine eigene Autonomie einzuschränken. Bin ich bereit, das zuzulassen, um dafür eine (hoffentlich) positive Beziehung zu führen? Wenn ich mir die Person aussuche, mit der ich das tun will (wie bei meinem Partner), dann ist das noch recht einfach. Aber schon bei der Familie wird es schwerer. Und was ist mit meinem Nachbarn, der etwas seltsam ist und immer seine Schuhe im Flur herumliegen lässt? Was ist mit der Schwester in der Gemeinde, die dauernd nur von ihren Problemen erzählt? 

Die Einsamkeit der anderen

Die kurze Corona-Einsamkeit verfliegt für mich persönlich langsam. Wir haben wieder (wenn auch ausgewählte) Kontakte. Aber es gibt Leute in unseren Gemeinden und unseren Nachbarschaften, die haben kaum einen Unterschied gespürt. Für sie hat sich mit Corona nichts verändert, weil sie schon vorher einsam waren: vielleicht eine ältere verwitwete Dame, ein etwas seltsamer Junggeselle oder ein Jugendlicher mit Problemen, die er sich nicht anzusprechen traut. Lasst uns unsere eigene Corona-Erfahrung nehmen und sie in Empathie für die Einsamkeit der anderen verwandeln! Lasst uns offenere Augen haben, wie wir die Einsamen mit einbeziehen können! Lasst uns prüfen, wie unsere Strukturen als Gemeinden einfachere Andockpunkte bieten können! Lasst uns überlegen, wie wir eine hilfreiche Kontaktperson für den Einen oder Anderen aus unserer Nachbarschaft sein können!

Strukturelle Einsamkeit

Ich will aber nicht (nur) an die Moral appellieren. Wir sollten auch unsere Strukturen hinterfragen. Ich nehme wieder einmal die Wohnsituation als Beispiel: Der Trend unserer Gesellschaft geht seit Jahrzehnten dahin, dass wir mit immer weniger Menschen gemeinsam leben. Über 17 Millionen Singlehaushalte. Etwa 14 Millionen Zweipersonenhaushalte.1 2,6 Millionen Alleinerziehende.2

Noch vor 250 Jahren war es gang und gäbe, dass nicht nur drei Generationen im Haus lebten (und arbeiteten), sondern auch darüber hinaus noch familienfremde Personen. Das ist zunächst einmal eine Feststellung. Dadurch war nicht einfach früher alles besser. Man kann sich auch im Mehrparteienhaushalt aus dem Weg gehen. Trotzdem hilft die Struktur: Denn wo man sich auch “zufällig” im geteilten Lebensraum begegnet, entstehen Möglichkeiten zum Kontaktaufbau.
Was bedeutet das dann für unsere langfristige Planung unserer persönlichen Wohnsituation? Könnten wir Gäste aufnehmen? Könnten wir einen vereinsamten Single in unsere Hausgemeinschaft integrieren? Christliche Gastfreundschaft und Gemeinschaft geht über die eigene Komfortzone hinaus und heißt den Fremden, den Unangenehmen und den Bedürftigen willkommen. Wenn es stimmt, dass die christliche Gemeinde eine geistliche Familie ist, dann gilt wie in der leiblichen Familie: Ich kann sie mir nicht aussuchen, sie ist manchmal anstrengend und nervtötend, aber wir halten zusammen. Aber auch hier bleibt christliche Gastfreundschaft nicht stehen: sie verlängert ihr Angebot auf Gemeinschaft auch über die christliche Gemeinschaft hinaus in das Umfeld. Was für eine Berufung!

Architekten, Visionäre und Du 

Was wäre, wenn wir Wohnformen fänden, in der man im Ort als christliche Gemeinschaft zusammenlebt? Familien mit Singles. Alte mit Jungen. Hilfsbedürftige mit Starken. Mit Elementen der Privatsphäre und Elementen des gemeinsamen Lebens. Voneinander und miteinander lernen. 

Im frühen Mittelalter waren Klöster solche Zentren, in denen die Menschen ringsum christliche Gemeinschaft beobachten konnten. Sie konnten aber auch sehen, wie man in einem Betrieb wirtschaftet. Wie man gemeinsam für den Lebensunterhalt sorgt. Wie Bildung funktioniert.

Was wäre, wenn wir wieder solche Zentren errichten könnten? Nicht hinter hohen Mauern im Wald, sondern mitten im Ort. So konzipiert, dass dieser Ort nicht nur eine Grundlage für echte Gemeinschaft untereinander bietet, sondern auch offen ist für die Nachbarschaft. (Benni hat diesen Gedanken auf Velospektive auch noch eine Nummer größer durchdacht.)

Liebe Architekten und Visionäre: Setzt Euch zusammen und malt euch aus, wie so ein Projekt aussehen könnte! Schreibt mir (z.B. per Leserbrief unter dem Artikel) – ich bin interessiert mit Leuten in Kontakt zu kommen, die so etwas mitbewegen wollen. Wir brauchen Blaupausen, die andere Gemeinschaften inspirieren können und die denen eine Hilfe sind, die z.B. nichts vom Bau oder Umbau verstehen. 

Wenn wir die hohen Ideale und den Auftrag der christlichen Gemeinschaft vor Augen haben: Wie müsste Deine Wohnform aussehen? Wärst Du bereit, so eine Lebensform zu wählen und andere in Deine Autonomiezone zu lassen?

Zum Schluss: Eine Buchempfehlung

Ich bin bei Weitem nicht der Erste, der sich diese Fragen zu Gemeinschaft und Einsamkeit stellt. Und ich bin auch sicher nicht derjenige, der etwas besonders Profundes dazu zu sagen hätte. Deshalb verweise ich hier noch auf Gedanken eines anderen: Dietrich Bonhoeffer schrieb das kleine Buch (120 Seiten) “Gemeinsames Leben” (hier auch online). Er schrieb es 1938, nachdem er mehrere Jahre Leiter eines illegalen Predigerseminars der Bekennenden Kirche gewesen war. Seine Gedanken zu Einsamkeit und Gemeinschaft sind heute immer noch treffend und äußerst anregend. Vielleicht ist es ja ein Leseprojekt für Dich. (Einen inhaltlichen Überblick findest Du in diesem Beitrag.)

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Fußnoten

  1. https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/deutschland-zahl-der-singlehaushalte-deutlich-gestiegen-16287435.html
  2. https://de.statista.com/themen/5182/alleinerziehende-in-deutschland/