Gottesdienst des Alltags

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Warum wir einander brauchen – auch ohne Corona

Er ist ausgeblieben, der Aufschrei über die Einschränkung der geistlichen Gemeinschaft. Ja, es wurde viel diskutiert über geschlossene Kirchen und ausgefallene Gottesdienste, über die Verhältnismäßigkeit und die Freiheit der Religionsausübung. Doch man hörte kein Wort des Bedauerns über den Wegfall der kleinen, tiefen Gespräche am Küchentisch. Man hörte von keiner Petition gegen das Verbot des ermutigenden Schulterklopfens oder der herzlichen Umarmung. Offenbar trauerte niemand um den tröstenden Tee bei offenem Ohr, um den barmherzigen, mitleidenden Blick, um das einmütige Neigen der Köpfe von zweien oder dreien, die in Jesu Namen versammelt sind.

Hat uns das gemeinsame Mittagessen mit Freunden und Geschwistern am Sonntagnachmittag nicht gefehlt? Hat es uns nicht geschmerzt, zu wissen, dass wir einsamen oder erschöpften Christen nicht mehr unser Haus öffnen konnten? War es uns gleichgültig, dass andere uns nicht mehr mit ihren Gaben und Gedanken bereichern konnten? Vermissten wir nicht den angeregten Austausch über unsere unterschiedlichen Erfahrungen mit unserem gemeinsamen Vater? Und haben wir nicht eilfertig auch das Stück Gemeinschaft aufgegeben, das uns gar nicht verboten war?

Wenn die einzige Lücke, die die Corona-Krise in unser geistliches Leben gerissen hat, der ausbleibende Präsenzgottesdienst ist, dann lief auch schon vorher etwas gehörig schief in unserem Leben als Gemeinde.

Die erste Gemeinde – geistliches Leben in Tempel und Haus

Dass jetzt so viel über den Gottesdienst und seine Beschränkung gesprochen wird, ist sicher wichtig und richtig. Aber der Reichtum einer Gemeine liegt laut biblischem Zeugnis eben nicht allein in der Predigt, im Abendmahl und im gemeinsamen Gesang. Von der ersten Gemeinde wird nicht nur berichtet, dass sie „beständig in der Lehre der Apostel“ blieb, „im Brotbrechen und im Gebet“ (Apg. 2,41) – alles Dinge, die wir als Bestandteile des Sonntagsgottesdienstes identifizieren würden. Es heißt auch: „Alle aber, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam. […] Und sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel und brachen das Brot hier und dort in den Häusern, hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen“ (V. 44.46).

Elemente des Gottesdienstes und privater Gemeinschaft waren eng miteinander verwoben und verstärkten sich gegenseitig. Da wurde die Predigt der Apostel vom Tempel ins Haus getragen, beeinflusste Gespräche und sogar Geldbeutel: „Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam.“ (Apg. 4,32) Herzen, Hände und Häuser standen füreinander weit offen.

Das geistliche Leben der Gemeinde ist eben nicht nur Großveranstaltung. Es nährt sich von Gottes Wort, welches zugesprochen wird im Gottesdienst – und beim Kaffee. Der einzelne Christ erlebt Gottes Nähe im gemeinsamen Gesang und beim seelsorgerlichen Spaziergang. Die Antwort auf das große Geschenk Gottes ist nicht nur die gemeinschaftlich eingebrachte Kollekte, sondern auch der 50er-Schein, der der mittellosen Glaubensschwester unauffällig in die Hand gedrückt wird.

Gottesdienst – miteinander und füreinander

Der Gottesdienst ist ein Ort des Miteinanders: Miteinander wird Gott gelobt, wird auf sein Wort gehört und gebetet. Doch das ebenso wichtige, wechselseitige Einander des christlichen Lebens können wir nur nach dem Gottesdienst verwirklichen: Einander annehmen,1 einander mit Güte zurecht helfen,2 einander liebevoll dienen,3 einander die Lasten tragen4 und oft genug auch einander ertragen, zueinander gütig und mitleidig sein und einander vergeben,5 sich einander unterordnen,6 einander trösten und wieder aufbauen,7 füreinander Gutes erstreben,8 aufeinander achthaben, einander zu Liebe und guten Taten anspornen,9 einander die Sünden bekennen und füreinander beten.10 Kurz: Einander lieben.11 Dies kann nur im Alltag geschehen.

Petrus fordert uns auf: „Jeder soll den anderen mit der Gabe dienen, die er von Gott bekommen hat. Wenn ihr das tut, erweist ihr euch als gute Verwalter der Gnade, die Gott uns in so vielfältiger Weise schenkt.“ (1. Petr. 4,10)12 Jeder ist aufgerufen. Wirklich jeder. Nicht nur der Pastor, die Musikerin, der Liederbuchausteiler, sondern auch die Vielen, die in den Reihen sitzen und hören und singen. Gott hat jeden mit seiner speziellen Gabe beschenkt. Ein Gottesdienst kann diese Vielfalt nicht im Ansatz fassen. Eine Gemeinde, in der das geistliche Leben auf den Gottesdienstbesuch und die stille Andacht des Einzelnen reduziert wird, verpasst all die reichen Schätze, mit denen Gott seine Kinder beschenkt hat.

Stattdessen starren alle wie gebannt – oder gähnend – darauf, was der Pastor aus seinem Schatzkästchen hervorholt. Das können wichtige Dinge sein, große, wertvolle Geschenke Gottes an seine Gemeinde. Die Gaben, die wir im gemeinsamen Gottesdienst erhalten, sind unersetzlich, sind überwiegend nur hier zu finden. (Andere Autoren haben bereits ausführlicher darüber geschrieben.) Aber sie sind bei Weitem nicht alles, was Gott uns geben möchte. Viele dieser Gottesgeschenke können nur im Gottesdienst des Alltags ausgepackt werden.

Gottes Gabentisch

Zum Beispiel an einem offenen Mittagstisch am Sonntag, bei gemeinsamem Essen und angeregten Gesprächen. Einige sind Gastgeber und kümmern sich um das Wohl ihrer Gäste. Vielleicht trägt einer dort in kleiner Runde etwas schüchtern sein selbst verfasstes Lied vor, das einigen von ihnen Mut in dunkler Stunde macht. Da erzählt eine von ihrer begeisternden Erfahrung mit Gott, und ein anderer schöpft wieder Hoffnung. Hier sitzt der Vereinsamte und genießt still lächelnd das fröhliche Stimmengewirr, dort lernt der Geflüchtete einige neue Wörter von seinen Freunden und wird zum Abendessen am Mittwoch eingeladen. Einige Studenten hören bewegt, wie eine ältere Dame von dem frühen Tod ihres Mannes, von ihrem ungestillten Schmerz und der unerhörten Treue Gottes in ihrem Leben berichtet. An diesem Tisch findet der Gottesdienst seine Fortsetzung und seine Erfüllung.

Oder bei einem Spaziergang zu zweit, wo ein vor Kummer übersprudelnder Mund auf ein geduldiges Ohr und ein mitfühlendes Herz trifft. Oder am verglühenden Lagerfeuer beim dankbaren Gebet nach einer durchdiskutierten Nacht. Beim Tapezieren der Wohnung des Neuankömmlings. Und am Küchentisch, wo drei Freunde bei aufgeschlagener Bibel darüber nachdenken, wie sie mit Jesus die Herausforderungen ihres Berufs meistern können.

Gemeinschaft in Freiheit leben

Haben wir all das wirklich vermisst, als uns verboten wurde, uns gegenseitig zu besuchen? Als wir nur noch zu zweit durch den Park schlendern durften und als auch das traditionelle Kirchencafé nach dem Gottesdienst nicht mehr stattfand?

Hat es uns wehgetan, dass wir einander nicht mehr geben konnten, was nur wir geben können? Dass wir nicht mehr bekommen haben, was wir uns selbst nicht zu geben vermögen? Fühlten wir uns geistlich ärmer?

Oder haben wir vielleicht sogar die vielen Möglichkeiten, die noch geblieben sind, ungenutzt gelassen: Spaziergänge zu zweit, Telefonate, Briefeschreiben, Hilfsdienste ohne unmittelbaren Personenkontakt? Haben wir uns zurückgezogen, unsere Gaben in Quarantäne gesteckt?

Hat die Sehnsucht nach gemeinschaftlichem Glauben uns kreativ gemacht, die Nischen und Restmöglichkeiten zu nutzen, um einander zu stützen und zu dienen? Tiefe Gespräche können auch beim Coffee-to-go im Wald statt im Wohnzimmer geführt, Ermutigung kann auch über den Gartenzaun zugesprochen werden. Blumen und Gebackenes, vor der Tür abgestellt, kann dem Vereinsamten zeigen: Du bist nicht vergessen! Und auch in Zeiten von Corona stellt die Post immer noch handgeschriebene Briefe zu. Gerade jetzt könnten wir ganz neue Formen für unseren Alltagsgottesdienst entdecken und in unser Leben als Gemeinschaft aufnehmen. Gerade jetzt können wir unseren Blick für diejenigen schärfen, die auch früher schon unsere Gaben brauchten.

Wenn uns nur der Wegfall der gottesdienstlichen Versammlung schmerzt, dann haben wir vielleicht auch vor Corona nur die Hälfte des Gottesdienstes gelebt. Es wäre schön, wenn nach der Krise unsere Mittags- und Küchentische, unsere Gärten, Garagen und Balkone, die Cafés und Restaurants unserer Stadt (wieder?) zu Orten der Begegnung mit Gott werden – gemeinsam mit Zweifelnden und Glaubenden, mit Einsamen und Gehetzten, mit Begeisterten und Entmutigten. Und hoffentlich beschwert sich dann niemand mehr über ein freundliches Schulterklopfen oder eine tröstende Umarmung. Denn auch das gehört zur Freiheit der Religionsausübung.

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Fußnoten

  1. Römer 15,7: „Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Ehre.“ [Soweit nicht anders vermerkt, wird die Lutherübersetzung von 2017 verwendet.
  2. Römer 15,14: „Ich weiß aber selbst sehr wohl von euch, meine Brüder und Schwestern, dass auch ihr selber voll Güte seid, erfüllt mit aller Erkenntnis, sodass ihr euch untereinander ermahnen könnt.“
  3. Galater 5,13: „Denn ihr seid zur Freiheit berufen worden, Brüder. Nur gebraucht nicht die Freiheit als Anlass für das Fleisch, sondern dient einander durch die Liebe!“ [Elberfelder Übersetzung]
  4. Galater 6,2: „Helft einander, eure Lasten zu tragen! Auf diese Weise werdet ihr das Gesetz erfüllen, das Christus uns gegeben hat.“ [Neue Genfer Übersetzung]
  5. Epheser 4,32: „Seid aber zueinander gütig, mitleidig, und vergebt einander, so wie auch Gott in Christus euch vergeben hat!“ [Elberfelder Übersetzung]
  6. Epheser 5,21: „Ordnet euch einander unter.“
  7. 1. Thessalonicher 5,11: „Darum tröstet euch untereinander und einer erbaue den andern, wie ihr auch tut.“
  8. 1. Thess. 5,15: „Seht zu, dass keiner dem andern Böses mit Bösem vergelte, sondern jagt allezeit dem Guten nach, füreinander und für jedermann.“
  9. Hebräer 10,24: „…und lasst uns aufeinander achthaben und einander anspornen zur Liebe und zu guten Werken.“
  10. Jakobus 5,16: „Bekennt also einander eure Sünden und betet füreinander, dass ihr gesund werdet.“
  11. Siehe insbes. versch. Stellen in den Johannesbriefen. Z.B. 1. Joh. 4,7: „Ihr Lieben, lasst uns einander lieb haben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist aus Gott geboren und kennt Gott.“
  12. Zitiert nach der Neuen Genfer Übersetzung.