Mir geht’s gut im Shutdown – ist das schlecht?

„Ich muss gestehen, mir fehlt eigentlich nichts“, erwähnte eine Christin mir gegenüber, als wir mitten im Shutdown steckten. Keine Allerweltschristin, sondern eine überzeugte und tatkräftige. Der Glaube ist ihr wichtig. Und in ihrer Gemeinde ist sie aktiv dabei, bringt sich ein, arbeitet mit. Vielleicht gerade deswegen fügte sie sogleich ein wenig irritiert hinzu: „Ich habe fast schon ein schlechtes Gewissen, dass ich das so sage. Aber so ist das nun einmal. Tatsächlich vermisse ich eigentlich nichts zurzeit.“

Es ist klar, dass längst nicht alle in Deutschland die letzten Wochen und Monate in dieser Weise erlebt haben. Die Krise ist für nicht wenige Mitmenschen tatsächlich zur Krise geworden und ist es weiterhin. Aber eben längst nicht für alle. Zumindest nicht in meinem Umfeld. 

Und so formulierte ein anderer Christ, ebenfalls aktiver Mitarbeiter in seiner Kirchengemeinde, gar in leitender Funktion, es ähnlich: „Der Shutdown kam mir gelegen. Es ist immer so viel los bei mir. Der Wegfall der ganzen Gemeindeaktivitäten hat mir endlich etwas Luft verschafft.“ Er scheint sogar etwas froh und erleichtert. Allerdings: Ein schlechtes Gewissen hat er auch schon gehabt, zumindest ein wenig. Und er fragt sich, ob sein Empfinden und Erleben nicht Grund zur Sorge liefern sollte.

Tja, sollte es? Wenn ja, warum? Und woran liegt es, dass gerade so manche Christen den Shutdown als etwas durchaus Positives, und ja, auch die „Pause von der Gemeinde“, als etwas durchaus Befreiendes erlebt haben?

Ich meine, dass möglicherweise mehrere unterschiedliche Faktoren und Gründe dafür verantwortlich sind, dass so mancher Christ und auch manche Gemeinde den Shutdown als angenehmen Zeitabschnitt erlebt (hat). Einige davon will ich nennen.

Überforderung des Alltags

Zunächst einmal gibt es da die großen gesellschaftlichen Entwicklungen oder Gegebenheiten, die dazu geführt haben, dass bei manchem zusammen mit dem Shutdown ein gewisses Befreiungsgefühl einherging – bei Christen ebenso wie bei Nicht-Christen.

Zu diesen Gegebenheiten zählt das hohe Tempo, in dem wir unser Leben führen. Man hetzt von Aufgabe zu Aufgabe, hechelt von Termin zu Termin, hastet von Event zu Event. 

Dazu gesellt sich eine immer komplexer werdende Welt, die immer höhere Anforderungen an uns zu stellen scheint. Es beginnt in der Grundschule und zieht sich ins Jugendalter hinein, in die Phase der Ausbildung und dann auch ins Berufsleben.

Auch an Christen gehen diese Entwicklungen selbstverständlich nicht spurlos vorüber. Kein Wunder also, dass nicht wenige die letzten Wochen und Monate eher als eine Art Fest erlebt haben, beinahe so etwas wie Urlaub: Endlich wieder aufatmen, durchatmen, zur Ruhe kommen!

Shutdown als neues Lebensgefühl. Keine Spur von Krise. Stattdessen fröhliche Mienen, entspannte Gesichter, erholtes Lächeln. Das Leben ist ruhiger, geordneter, gesetzter. Weniger Hetze, Hast und Hektik. Entschleunigung tut wohl.

Christlicher Hyperaktivismus

Zu der allgemeinen Überforderung des Alltags tritt bei manchen Christen dann noch eine spezifisch christliche Überforderung hinzu. Sie ist geprägt durch einen Hyperaktivismus, der zum Teil durch folgende Denkmuster begleitet wird (hier exemplarisch an einem durchschnittlichen, 35jährigen Familienvater skizziert): Ein guter Christ ist engagiert, lässt keinen einzigen von 52 Sonntagsgottesdiensten im Jahr aus, ist auch regelmäßig bei allen Gebetstreffen unter der Woche dabei, leitet außerdem einen Bibelkreis (während seine Ehegattin die zweiwöchentliche Frauenstunde vorbereitet), stellt seine musikalischen Talente nicht unter den Scheffel, sondern dient dem Herrn in der Band, ist selbstverständlich bei allen Mitarbeiterkreisen und Vorbereitungs- sowie Planungstreffen dabei, hat überdies stets ein Ohr für die Nöte seiner Nachbarn und evangelisiert seine Arbeitskollegen. Des Weiteren macht er es sich zur guten Pflicht, täglich mindestens zwei Stunden mit seinen Kindern zu verbringen, damit diese die nötige elterliche Liebe und Geborgenheit erfahren und ist, für jedermann erkennbar, in allen Dingen stets fröhlich und gelassen.

Dass es von diesem Ideal eines Christen nicht allzu viele Exemplare unter der Sonne gibt, muss hier und da manchmal in Erinnerung gerufen werden. Denn Tatsache ist: Ein Christ ist ein Mensch, kein Übermensch. Darum braucht auch ein Christ Phasen der Erholung. 

Vielleicht hat uns der Shutdown schlicht gezeigt, wie sehr sich viele Christen nach Erholung sehnen. Einfach mal mehr Zeit für die Familie zu haben, Zeit für den Garten, das Haus, das kleine Hobby. Zeit zum Spazieren oder Wandern, zum Radfahren oder einfach nur Relaxen. 

Vielleicht sollten manche vor Aktivismus überhitzte Christen, Gemeinden und Kirchen sich neu bewusstmachen, dass Erholung und Ruhe für das menschliche – auch geistliche (!) – Wohlergehen unabdingbar sind. Der Gedanke der Ruhe ist kein ketzerischer, sondern ein biblischer. Er beginnt bei dem Ausruhen Gottes nach vollendeter Schöpfung (Gen 2,2), zieht sich über das Gebot zur Sabbatruhe (Ex 20) bis hin zur künftigen Gottesruhe für alle Christen (Hebr 4). 

Vielleicht könnte ein hier oder da gezielt reduziertes oder weniger aufwändig vorbereitetes Gemeindeprogramm sogar förderlich für das leibliche, seelische und geistliche Wohl der Gemeinde sein? Denn: Weniger ist bekanntlich manchmal mehr. 

Erholungsgott, Konsumhaltung und Ichbezogenheit

Auf der anderen Seite befürchte ich aber, dass es auch eine ganze Reihe von Christen gibt, die den Shutdown einfach deshalb gefeiert haben, weil sie nun noch mehr Zeit für sich selbst, ihre eigenen Interessen, Hobbys und Vorlieben hatten. Schon vor Corona hatte so mancher jede Menge Zeit für sich, für Erholung, für Urlaub. Und mancher hat allein dafür und darauf hingelebt.

Könnte es sein, dass das positive Erleben des Shutdowns die ausgeprägte Ichbezogenheit widerspiegelt, die wir auch als Christen inzwischen fast vollständig inhaliert haben? Hat der Shutdown womöglich einfach nur unsere Konsumhaltung noch deutlicher sichtbar gemacht?

Es wäre nicht verkehrt, wenn wir unser Leben überprüfen, unsere Prioritäten neu überdenken und Fehlorientierungen offen eingestehen würden. Eine aufrichtige Selbstprüfung vor dem Herrn, gepaart mit einer eventuell nötigen Kurskorrektur, wären ein positives Ergebnis dieser Reflexionsphase.

Gemeinschaftsarme Gemeindeveranstaltungen

Und ein letzter Gedanke: Vielleicht haben Christen den Wegfall von Gottesdiensten und diversen Gemeindeveranstaltungen auch deswegen so positiv erlebt, weil unseren Gottesdiensten und Veranstaltungen ein wesentlicher Aspekt abhandengekommen ist, und zwar der Gemeinschafts- bzw. Partizipationsaspekt.

Unter Gemeinschaft und Partizipation verstehe ich die Möglichkeit, dass sich die Gemeinde aktiv am Gottesdienstgeschehen beteiligen kann. Hierzu sind bewusst geschaffene Räume zur intensiven Interaktion zwischen den einzelnen Gemeindemitgliedern, die Kultivierung des Miteinander-Betens, Aufeinander-Hörens, Einander-Ermutigens nötig. Persönliche Glaubenserfahrungen des Alltags werden ausgetauscht, Gott wird für seine Güte gelobt, Kranke und Niedergebeugte werden in einmütigem Gebet vor den Herrn gebracht. Hier ist der Beitrag eines jeden gefordert, gewünscht und willkommen.

Demgegenüber gleichen manche Gottesdienste und christliche Veranstaltungen eher einer Einbahnstraße von der Bühne zum Publikum. Vorne wird performt, in den Reihen wird konsumiert. Da eine solche Konstellation nun aber auch über den Livestream im Grunde sehr gut abbildbar ist (was „da vorne“ läuft, bekomme ich auch vom Sessel aus über den Bildschirm gut mit), ist es kein Wunder, dass so mancher lieber in der bequemeren Polstergarnitur im Wohnzimmer hängen bleibt. Eine erweiterte und tiefere Gemeinschaft aber entsteht dort, wo nicht nur wenige Akteure auf der Bühne, sondern ein möglichst großer Teil der Gemeinde, involviert ist.

Wie das ganz konkret in der Praxis aussehen könnte, wird verschieden sein. Vielleicht muss der Gottesdienst ein wenig umstrukturiert werden. Eine Predigt muss etwas gekürzt und stattdessen eine längere Zeit für das Gebet eingeplant werden. Oder das gemeinsame Singen muss stärker gefördert werden. Dafür weicht dann eben ein Lied von Band oder Chor. Vielleicht gelingt es auch, die Kinder noch besser in den Gottesdienst zu integrieren? Oder eine betagte Schwester erzählt von der gnädigen Führung Gottes in ihrem bewegten Leben – und welche Rolle dabei ihre Gemeinde gespielt hat. Vielleicht ist es an der Zeit, solche oder ähnliche Ideen zu entwickeln und unserer Kreativität zur Ehre Gottes und zum Wohl der Gemeinde mal wieder auf die Sprünge zu helfen?

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