Antwort von Genadi Kimbel

Gottesdienste in der Corona-Krise? – Ein Blick auf die Herausforderungen aus dem Alltag und der Gemeindepraxis

Eine Replik auf den Aufsatz von Jens Binfet

Der Gottesdienst ist für den christlichen Glauben unverzichtbar

Der Gottesdienst gehört, wie Jens Binfet zu Recht betont, zur Kernpraxis christlichen Glaubens. Ohne Gottesdienst lässt sich christlicher Glaube weder denken noch leben. Die christliche Kirche trifft sich seit jeher regelmäßig, um gemeinsam Gottesdienst zu feiern. Für die erste Gemeinde in Jerusalem waren ihre regelmäßigen Zusammenkünfte eines ihrer zentralen Kennzeichen (Apg 2,42): „Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet.“

Diesem vorgezeichneten Pfad folgend, hat auch die Kirche der nachfolgenden Jahrhunderte an der Praxis regelmäßiger Versammlungen stets festgehalten. Wort, Gemeinschaft, Abendmahl und Gebet gehören zum unverzichtbaren Bestandteil des christlichen Gottesdienstes. 

Weitere Kernelemente, die maßgeblich den Charakter christlicher Gottesdienste prägen und geprägt haben, sind die Musik und der Gesang. Ihre Bedeutung lässt sich ebenfalls auf biblische Maßgabe zurückführen, heißt es doch in Epheser 5,19: „Ermuntert einander mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern, singt und spielt dem Herrn in eurem Herzen.“

Durch all dies – durch Lehre, Gemeinschaft, Abendmahl, Gebet und Gesang – wird christlicher Glaube geformt, geweckt, gestärkt und gelebt. Bricht der Gottesdienst weg, so läuft nichts weniger als der Glaube selbst Gefahr, zu verkümmern und wegzubrechen.

Wenn der Gottesdienst unverzichtbar ist, wieso erlebt man seinen Wegfall trotzdem als Entlastung?

Angesichts dieser Feststellung ist die Sorge von Jens Binfet über die vielen abgesagten Gottesdienste mehr als berechtigt. Die Beobachtung, dass viele Veranstaltungen gar „ohne ein Wort des Bedauerns“ und mit „vorauseilendem Gehorsam der Kirchen“ abgesagt wurden, deckt sich dabei aufs Ganze mit meiner Wahrnehmung. 

Wenn Kirchen und Christen sich mancherorts sogar insgeheim zu freuen scheinen, dass (endlich!) keine Gottesdienste mehr stattfinden (müssen), dann ist in der Tat etwas mächtig aus dem Ruder gelaufen. Ich sage das weniger in anklagendem Ton – ich selbst gehöre nämlich zu jenen, die in den ersten gottesdienstfreien Wochen nahezu in eine Art „Urlaubsstimmung“ verfallen sind: Entschleunigung des Alltags, plötzlicher Wegfall diverser Termine und Treffen, befreiendes Durchatmen bei all den vielen Herausforderungen in Beruf, Familie und Gemeinde, mehr Zeit mit Kindern und Kernfamilie. All dies erlebte ich, so nicht wenige andere auch, in den ersten Wochen des Shutdown zunächst als sehr positiv.

Erst mit der Zeit dämmerte mir, dass hier ein gefährliches Ungleichgewicht zwischen meiner theologischen Überzeugung einerseits und meiner konkreten Erfahrung andererseits offenbar wurde. Wenn der Gottesdienst tatsächlich unverzichtbar ist (wovon ich theologisch überzeugt bin), wieso habe ich es dann als eine Entlastung empfunden, sonntags nicht mehr in die Kirche gehen zu müssen?

Haben andere Christen ähnlich erlebt und empfunden wie ich? Wenn ja, warum?

Gottesdienst: Ja! – Aber wie?

Doch zurück zum Aufsatz von Jens Binfet. Sein Plädoyer für die Wiederaufnahme von Gottesdiensten begrüße ich prinzipiell sehr. Allerdings stellen sich mir in diesem Zusammenhang eine Reihe von Fragen praktischer Art, die meines Erachtens keinesfalls trivial sind.

Zunächst einmal stelle ich fest, dass großer Konsens darüber zu bestehen scheint, dass der Gottesdienst nicht mehr derselbe sein kann wie vor Corona. So gut wie keiner stellt infrage, dass die Pandemie es erfordert, die Gottesdienstform neu zu überdenken und zu organisieren. Binfet spricht von einer „vertretbaren Form des Gottesdienstes“, für die, so fordert er, man sich öffentlich stärker hätte einsetzen sollen.

Hier möchte ich aber zurückfragen: Was genau ist ein “vertretbarer Gottesdienst”? Darüber ließe sich trefflich streiten. Und dann möchte ich auch noch fragen: Wie sieht ein „vertretbarer Gottesdienst“ aus angesichts einer Kirchengemeinde mit 300 vorgesehenen Sitzplätzen, aber regelmäßig 400 Besuchern, darunter eine ganze Reihe von Kindern, an Sonntagen? Was heißt „vertretbarer Gottesdienst“ in diesem Kontext?

Ein solches Verhältnis von Kirchengröße und Besucherzahl mag untypisch für weite Teile Deutschlands sein, es ist aber gar nichts Ungewöhnliches für einen Großteil insbesondere der Freikirchen in meiner Heimatregion Lippe. Für diese Kirchen ist es aus praktischer Sicht kein Leichtes, eine „vertretbare Gottesdienstform“ zu finden. Manche sind da vielleicht schlicht ratlos. 

Natürlich gibt es bereits verschiedene Lösungsideen:

  • Man könnte OpenAir Gottesdienste veranstalten. Bei 400 Besuchern will aber auch so etwas erst einmal organisiert werden. Welcher Platz wäre für eine solche Veranstaltung geeignet? Was ist mit dem Wetter, mit der Lautsprecheranlage, mit Sitzgelegenheiten für Jung und Alt? Was ist mit den Kindern, die noch nicht einmal wissen, was ein Abstand ist, geschweige denn ein Abstand von 1,5m?
  • Oder man könnte das Ticketsystem einführen, bei der pro Gottesdienst nur eine ausgewählte Anzahl an Personen am Gottesdienst teilnehmen könnte? – Das würde aber, so empfinden manche nicht ganz zu Unrecht – zu einer Parzellierung der Gemeinde führen. Und außerdem: Wonach sollen die Tickets ausgegeben werden? First come, first serve? Alle Mitglieder mit Namen von A-F? Und dann vier Gottesdienste am Sonntag mit jeweils 100 Besuchern bis das Alphabet am Ende ist? Dabei sitzen alle jeweils 1,5m auseinander oder sogar 2m, wenn man singen möchte? Nach dem Amen verlassen dann alle einzeln nacheinander den Raum und fahren wieder allein nach Hause? – Möglich wäre diese Option, aber ich kenne Leute, die bei dieser Vorstellung den Livestream als die bessere von zwei schlechten Lösungen bevorzugen. Und ich kann diese Einschätzung auch gut nachvollziehen.

Sicherlich gäbe es auch noch andere Ideen. Fest steht aber eines: Alle hygienischen Maßnahmen einzuhalten, die man nach Mindeststandard erfüllen müsste (insbesondere den Abstand von 1,5m) und zugleich einen Gottesdienst mit allen Gemeindemitgliedern zu feiern, ist für Gemeinden mit großen Besucherzahlen und kleinen Räumlichkeiten schlicht unmöglich.

Die Kirchengemeinden in meinem Umfeld sehen sich nach meiner Wahrnehmung also vor folgende Entscheidung gestellt: Ist es besser, relativ neuartige und ungewohnte Gottesdienste unter Einhaltung von Abständen und mit nur einem kleinen Teil der Gemeinde zu feiern? Oder ist es besser, angesichts dieser Sachlage vorerst keine Gottesdienste im Kirchengebäude zu feiern und bis auf Weiteres zunächst auf den Livestream auszuweichen, wohl wissend, dass der Livestream keine dauerhafte Lösung sein kann und darf.

Die einen haben sich für den einen Weg entschieden, die anderen für den anderen. Weder die eine noch die andere Lösung ist aus meiner jetzigen Perspektive aber die klar bessere.

Natürlich gäbe es auch noch andere Wege. Kirchen mit den oben skizzierten Problemen könnten beispielsweise auch auf direkten Konfrontationskurs gehen die üblichen Pandemie-Regularien übergehen, insbesondere die Abstandsregel. Dann könnte man auch wieder mit allen Gottesdienstbesuchern feiern. Doch wäre auch das eine “vertretbare Form” des Gottesdienstes?

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