Wir brauchen keine Gottesdienste mehr!

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Oder wenn doch: Welche?

Wir befinden uns im Jahre 2020 n.Chr. Ganz Europa ist von den Römern, ach nein von den Viren besetzt. Auch die Kirchen sind besetzt – oder: eben gerade nicht! Gottesdienstliche Leere wohin man schaute. Nur ein paar kleine Dörfer leisten erfolgreich Widerstand. (Zum Beispiel dieses hier oder dieses.) 

Ist das die Lage der vergangenen sechs oder sieben Wochen? 

Gottesdienste wurden ohne ein Wort des Bedauerns von der Politik abgesägt. Aus virologischer Perspektive vielleicht nachvollziehbar. Aus verfassungsrechtlicher Sicht debattierbar. 

Was mich beunruhigt, ist, mit welch vorauseilendem Gehorsam die Kirchen durch die Bank die Kernpraxis des christlichen Glaubens aufgegeben haben. In manchen Kirchen schien es fast so, als ob man froh sei, endlich diese aufwändigen Gottesdienste los zu sein. Die Bemühungen, für eine vertretbare Form des Gottesdienstes öffentlich einzutreten, kam (vereinzelt) vor allem aus der Basis – nicht von den Kirchenleitungen.
Andere haben sich enthusiastisch ins Virtuelle verlegt und feiern die Abrufzahlen, die Kreativität oder die simple Verfügbarkeit ihrer virtuellen Gottesdienste. Schon nach wenigen Wochen jedoch zeigen sich deutliche digitale Ermüdungserscheinungen.

Kann es sein, dass – egal in welcher Kirche und Frömmigkeit – die Vorstellung vorherrscht, Gottesdienste seinen lediglich ein soziales Event, das man jetzt eben vermeiden könne, ja müsse? Wo bleibt die Gottesbegegnung in Gemeinschaft? Oder ziehen wir uns auf salbungsvolle Allgemeinplätze zurück: “Gott sieht uns, wo immer wir sind“ (Landesbischof July). Kann das genug sein? Waren die Gottesdienste vor den Kontaktverboten nur Relikte der Tradition, ohne einen eigenständigen Wert, der über die Soziologie hinausgeht? Brauchen wir sie noch?

Ist das jetzt die neue Realität?

Sechs Wochen ohne Gottesdienste! Und was ist mit den nächsten sechs? Mancher meint schon mehr oder weniger laut, es ginge ganz ohne – das Land scheint Gottesdienste zumindest nicht zu brauchen.
Die großen Kirchen verschärfen die staatlichen Regeln dermaßen, dass es fast schon an Verhütung grenzt. Ohne Singen, nur mit Mundschutz, steril und ohne Begegnung, dafür mit Eintrag ins Besucherregister. Dann können wir auch weiter digital bleiben. Gottesdienste braucht es scheinbar nicht.

Die frömmeren oder freieren unter den Kirchen werden vermutlich am Wert des leiblichen Gottesdiensts festhalten, wenn auch mancherorts übervorsichtig. Aber man hat ja noch den Livestream! Das hat ja so super geklappt in den letzten Wochen, dass man sich fast wünscht, so könnte es weitergehen. Man muss gar nicht vom Frühstückstisch aufstehen, geschweige denn die Kinder mühsam für den Gottesdienstbesuch fertigmachen. Wenn das Kind schreit oder ich neuen Kaffee brauche, kann ich den Prediger ja kurz pausieren. Wie überaus praktisch!
Und überhaupt: Erreichen wir mit unseren tollen (notgedrungen) neuen digitalen Fähigkeiten nicht viel mehr Menschen “da draußen”? Evangelisation vom Kirchen-Studio direkt an den Küchentisch. Am Ende bewirken die Gottesdienstverbote noch wachsende Mitgliederzahlen? Beurteilen kann man den Effekt wohl aktuell noch nicht. Gesetzt den Fall, es gäbe eine digitale Erweckung, was dann? Wohin können sich diese neuen Gläubigen dann wenden? Wo finden sie christliche Gemeinschaft? Seelsorge? Begleitung? Können wir das auch digital?

Onlinegottesdienste Hurra!

Mal ehrlich – ich bin gar kein Technikskeptiker. Ich bin studierter Informatiker. Die digitale Welt bietet geniale Werkzeuge. Ich freue mich über die vielen Möglichkeiten, die sich beinahe jede christliche Gemeinde erschlossen hat. Ich bin dankbar für jede Anstrengung, die mir in den letzten Wochen überhaupt etwas ermöglicht hat, das einem Gottesdienst ähnelt. Genial, dass man sich per Video auch in Gruppen zum Gebet und Austausch treffen kann.

Aber reicht das? Und wenn es reicht, was sagt das über unsere physischen Gottesdienste aus?
Können wir sie dann nicht gleich ganz abschaffen? Dann brauchen wir auch nicht mehr die teuren Gottesdiensträume zu finanzieren. Ein Studio reicht ja und die Ersparnisse investieren wir einfach in Technik – Virtuelle Realität oder sowas.

Ich wage einmal zu hoffen: Tief in unserem Empfinden wissen wir eigentlich, dass das nicht ausreicht. 

Aber was braucht es dann, was wir (noch?) nicht digitalisieren können? Was macht eigentlich Gottesdienst im Kern aus? Was ist das Herzstück der Kirche? Worauf können wir nicht verzichten?

Warum das Ganze?

Warum solltest Du Dich überhaupt damit beschäftigen? Nur weil da so ein Typ im Internet die Gottesdienstverbote emotional nicht so ganz verkraftet hat? Oder zeigt uns vielleicht die Krisenerfahrung Schwachstellen in unserer Praxis, die schon vorher da waren? Kann es sein, dass unsere Gottesdienste so kopflastig oder eventlastig sind, dass die physische Gemeinschaft eigentlich nur ein netter Bonus ist? Das sind harte Anfragen an liebgewonnene Gewohnheiten. Aber wann, wenn nicht jetzt, werden wir sie hinterfragen? Nicht um sie zu demontieren, sondern um unsere Gottesdienste zu stärken.

Vergiss mich! Vergiss Corona (zumindest für einen Moment, falls Dir das möglich ist).
Nutzen wir die Erfahrung der letzten Wochen, um zu reflektieren, was das für die Zukunft Deiner Gemeinde bedeutet! Dann werden wir wirklich gestärkt hervorgehen. 

Andernfalls werden wir irgendwann bemerken, dass wir wirklich keine Gottesdienste mehr brauchen…

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Antwort von Genadi Kimbel >>